13.03.2014

Ausstellung mit Werken Kurt Reubers auf dem Kirchberg

Ute Tolkmitt zwischen dem Selbstbildnis ihres Vaters und der Stalingrad-Madonna

Vor der Stalingradmadonna in der Johanniskirche

Dr. Ingrid Helber mit Werken Helmuth Uhrigs

Vor 70 Jahren, am 20. Januar 1944, starb der Maler, Arzt, Pfarrer und Michaelsbruder Kurt Reuber. Seine Madonna von Stalingrad hat den ‚kurhessischen Albert Schweitzer‘, wie er oft genannt wird, weithin bekannt gemacht. Wie kaum ein anderes Bild steht die Kohlezeichnung, die Kurt Reuber Weihnachten 1942 im Kessel von Stalingrad schuf, für Geborgenheit inmitten schlimmster Bedrohung. Das Original hängt heute in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Kopien finden sich in Coventry, Wolgograd und auch in der Johanniskirche im Sulzer Kloster Kirchberg, dem Geistlichen Zentrum der Evangelischen Michaelsbruderschaft, der Kurt Reuber angehörte.

Anlässlich eines Seminars zum Leben und Werk Kurt Reubers präsentiert das Berneuchener Haus Kloster Kirchberg eine kleine Ausstellung mit Bildern des Michaelsbruders, die seine Tochter, Ute Tolkmitt ausgewählt hat. Sie hütet die rund 150 erhaltenen Kohlezeichnungen ihres Vaters - die die Heimat teils auf abenteuerlichen Wegen erreichten - und den Briefwechsel mit der Mutter wie einen Schatz und sieht es als ihre Aufgabe an, das Vermächtnis des Vaters lebendig zu halten.
Die Reproduktionen der detailgetreuen Kohlezeichnungen, die auf dem Kirchberg bis zum 1. Mai zu sehen sind, zeigen vor allem Porträts von Menschen, die Kurt Reuber während seiner Zeit als Truppenarzt in der Sowjetunion festhielt. Ergänzt werden sie durch Zitate aus den Tagebüchern und Briefen Reubers. „Die Bilder zeigen nicht irgendwelche Menschen“, erzählt Ute Tolkmitt, “sondern die Menschen, die mein Vater getroffen hat, mit denen er sich unterhalten hat. Vertrauen“, sagt sie, „ist dabei auch entstanden“. Das zeigen die Bilder anschaulich. Fast immer finden sich auf den Zeichnungen auch der Name und der Ort des Treffens, oft schrieb Kurt Reuber auch ein paar Informationen aus dem Leben der Porträtierten hinzu, so wie bei dem Bildnis einer blinden Frau. Wie eine Greisin wirkt sie und hat doch, wie man lesen kann, gerade erst vor 10 Tagen ihr Kind entbunden. Das Porträt der Blinden verdeutlicht, wie alle Reuber-Zeichnungen auf dem Kirchberg, das Grauen und die Sinnlosigkeit des Krieges.
Ute Tolkmitt weist während der Vernissage auf ein außergewöhnliches Bild hin, es zeigt einen russischen Soldaten. Auf die Zeichnung schrieb Kurt Reuber „Kamerad“ – aus einem Feind wird ein Freund. Auch viele Porträts von Kindern zeichnet Kurt Reuber. Als dreifachen Vater nahm Kurt Reuber das Schicksal der Kleinsten ganz besonders mit.
Jede freie Minute nutzte Kurt Reuber für das Zeichnen, Ute Tolkmitt: „Meiner Mutter schrieb er einmal, dass er die Frontangriffe fast schon überhöre, so vertieft sei er in sein Zeichnen.“
In der Kirchberger Ausstellung ist auch ein Selbstbildnis Kurt Reubers zu sehen, gemeinsam mit einigen anderen Zeichnungen und der Stalingradmadonna kam es noch mit dem letzten Flugzeug aus dem Kessel von Stalingrad heraus, es trägt den Kommentar: unfertig, da der Kommandeur eben mitteilt, daß er sofort abfliegt.
„Als Kind habe ich gedacht, was ist das für ein alter Mann, wenn ich dieses Selbstbildnis betrachtet habe“, erinnert sich Ute Tolkmitt. Dabei war Kurt Reuber damals gerade einmal 36 Jahre alt.
In der Kirchberger Johanniskirche hängt eine Kopie der Stalingradmadonna. Als Ute Tolkmitt während des Vernissage-Rundgangs davor steht und über die Entstehung des Bildes erzählt, das auf die Rückseite einer russische Landkarte gezeichnet ist, sieht man ihre Ergriffenheit. Sie hat kaum eine Erinnerung an ihren Vater. Mit vier Jahren, anlässlich eines Heimaturlaubs 1942, sah sie ihn zum letzten Mal.
Kaum zwei Jahre später, im Winter 1944, stirbt Kurt Reuber im Gefangenenlager Jelabuga.

Thematisch eng verbunden mit den Werken Kurt Reubers sind auch die Russischen Impressionen Helmuth Uhrigs, die ebenfalls auf dem Kirchberg präsentiert werden. Auch Helmuth Uhrig war Michaelsbruder, war im Sanitätsdienst in Russland und in der Ukraine tätig. Und auch er zeichnete und modellierte die Menschen, die er während seiner Einsätze kennenlernte. „Helmuth Uhrig war zwar keine großer Porträtist, sondern vor allem Bildhauer“, so die Kuratorin der Kunstsammlung Uhrig, Dr. Ingrid Helber, „aber die Zeichnungen spiegeln die große Sympathie und das Mitgefühl für die Menschen wider.“
Die Russischen Impressionen Helmuth Uhrigs und die Zeichnungen Kurt Reubers – Dokumente der Menschlichkeit.

Wer sich näher mit dem Maler, Arzt Pfarrer und Michaelsbruder Kurt Reuber beschäftigen möchte, dem sei das Buch vom Berliner Altbischof Martin Kruse empfohlen, der auf dem Kirchberg die Ausstellung miteröffnete: Die Stalingrad-Madonna. Das Werk Kurt Reubers als Dokument der Menschlichkeit, Lutherisches Verlagshaus.

Die Ausstellung mit den Werken Kurt Reubers ist noch bis zum 1. Mai täglich von 10 bis 17 Uhr im Erdgeschoss des Konventgebäudes von Kloster Kirchberg in Sulz am Neckar zu sehen.
Die Kunstsammlung Helmuth Uhrig mit den Russischen Impressionen ist jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Dagmar Kötting